Kinder im Internet: Vorratsdatenspeicherung und Schutz-Software sind kein Ersatz für Medienkompetenz

Das ZDF-Morgenmagazin hat sich in seiner heutigen Sendung damit auseinandergesetzt, wie Kinder vor den Gefahren im Internet geschützt werden können. Dabei stand insbesondere auch die Forderung nach der Einführung der Vorratsdatenspeicherung und Nutzung von Schutz-Software im Raum. Zu Wort kam auch der Baden-Württembergische Justizminister Rainer Stickelberger (SPD), der ebenfalls einen stärkeren regulativen Eingriff des Staates ins Internet fordert. Dazu Martin Eitzenberger, Vorsitzender der Piratenpartei Baden-Württemberg:

Martin Eitzenberger, Foto: Ronny CC-BY 3.0»Weder eine automatisierte Kinder-Firewall noch speziell überwachte Foren bieten adäquaten Schutz für den Nachwuchs. Auch staatliche Eingriffe – etwa über die Vorratsdatenspeicherung – werden keine Wirkung zeigen. Bei diesem Problem sind die Eltern und Schulen gefordert, den Nachwuchs bei seinen ersten Schritten ins Netz zu begleiten und zu fördern.

Jedes Kind lernt, nicht zu fremden Menschen ins Auto zu steigen. Im Internet ist das nicht anders. Die Jüngsten müssen über eine kompetente Vermittlung von Medienkompetenz lernen, sich im Internet und insbesondere im Umgang mit fremden Menschen richtig zu verhalten.

Fahrradfahren wird Kindern schließlich auch durch die Eltern beigebracht. Da wird erklärt, wie man sich im Straßenverkehr zu verhalten hat und wie man sich selbst schützt. Keine Stützräder und kein GPS-Überwachungssystem könnten dieses persönliche Begleiten in unserer Gesellschaft ersetzen.«

Weiter ausgeführt hat Martin Eitzenberger dies in einem Leserbrief, der als E-Mail heute Morgen beim mo:ma einging:

Liebes MoMa-Team,

In Ihrer heutigen Sendung befassen Sie sich mit dem wichtigen Thema, wie man Kinder im Internet schützen kann. Leider wird wieder auf technische Lösungen verwiesen. Das sehe ich persönlich sehr kritisch und möchte kurz erklären, warum.

Wer sich darauf verlässt, dass ein technisches System, wie eine Kinder-Firewall, für Sicherheit sorgt, der wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Diese Software filtert meist nach bestimmten Listen und bestimmten Begriffen. Damit filtert sie einerseits eigentlich unbedenkliche Seiten, während wiederum gefährliche Seiten die Filter unbehelligt passieren. Darüber hinaus verfügen teilweise bereits die Jüngsten über das Know How, die Filtersoftware unbemerkt für die Eltern zu deaktivieren. Diese Situation ist gefährlich.

Die aktuellen Tendenzen sind sehr gefährlich. Denn man legt den Fokus auf Schutz und Überwachung, anstatt auf Eigenverantwortung. Eltern sollten stattdessen darauf setzen, die Jüngsten bei ihren Schritten ins Netz zu begleiten. Und viel wichtiger ist die Erziehung zur Eigenverantwortung: „Steig nicht zu fremden Menschen ins Auto“ wird jedem Schulkind eingetrichtert, aber beim Internetzugang setzt man auf scheinbar wirksame Filtersoftware und „mach mal“. Ein großer Fehler.

Sperren sind reizvoll. Wenn man also durch Sperren und Filtersoftware den Kindern verbietet, das Netz zu erforschen, dann machen sie es am Ende heimlich und außerhalb jeder Beaufsichtigung. Und das ist das Fatale.

Wenn ich mich an meine eigene Kindheit erinnere – da war der Schulweg für mich jeden Tag eine Zeit der unbeaufsichtigten Freiheit. Da hab ich mich mit nahezu allen Katzen angefreundet, die den Weg entlang wohnen, neue Wege ausprobiert und kam deshalb auch regelmäßig zu spät. Aber ich habe auch mit vielen Fremden geredet. Menschen, die mit ihren Hunden unterwegs sind, wie auch mit zwielichtigen Gestalten. Im Nachhinein betrachtet, war da wohl auch der eine oder andere Pädophile dabei.

Warum mir niemals was zugestoßen ist? Weil mir meine Eltern regelmäßig eingebläut haben, was okay ist für mich, und was nicht. Dass ich mit anderen reden kann, aber niemals mitgehen. Ab wann ich eine Konversation wie abbrechen kann und soll, wenn sie mir unangenehm wird. Mit diesem Selbstbewusstsein bin ich damals auf die Außenwelt getroffen. Und es hat mich sicher auf meinen Wegen begleitet.

Die Freiheit war für mich aufregend, und sie hat meine Sinne geschärft. In Momenten, in denen ich mich beschützt und bewacht gefühlt habe, war ich nicht so aufmerksam.

Es gibt keine „digitale“ und „analoge“ Welt. Das Netz ist nur ein neues Kommunikationsmittel. Und wir müssen die heranwachsende Generation so an dieses Medium heranführen, dass sie auch dann sicher und verantwortungsbewusst damit umgehen, wenn nicht Netz, doppelter Boden und allsehende Augen über sie wachen. Das ist wichtig, und das wird leider zu oft vergessen.

Und glaubt um Himmels willen nicht das Märchen, mit der Vorratsdatenspeicherung ließen sicher Kinder im Netz schützen. Damit lassen sich – wenn überhaupt – höchstens bereits begangene Vergehen aufklären, und auch das nur bei absolut unbedarften Tätern. Dafür 100% der User pauschal zu überwachen, ist definitiv nicht zielführend.

MfG,
Martin


Kommentare

6 Kommentare zu Kinder im Internet: Vorratsdatenspeicherung und Schutz-Software sind kein Ersatz für Medienkompetenz

  1. _takakun schrieb am

    Schön geschrieben und genau das Problem angesprochen.
    100 %-ige Sicherheit von außen kann es nie geben. Eine Fire-wall ist nie so intelligent, dass sie nicht umgangen werden kann, und zwar vorallem durch interessierte Kinder.
    Wer kennt nicht die Kino-Werbung „Ist Klausi zu Hause?“ ?
    Wenn Eltern ihre ureigenste Aufgabe, nämlich den Kindern die Welt zu zeigen, vernachlässigen, kann das kein Programm auffangen.

  2. javra schrieb am

    Gut wäre noch der Hinweis, dass es Website-Betreibern (insbesondere von Seiten, die Angebote wie Chats für Kinder beinhalten) auch jetzt schon alle Möglichkeiten haben, auffällige Benutzer von Moderatoren aus dem Verkehr zu ziehen und anzuzeigen.

  3. Olaf schrieb am

    Schade, dass die Medien zum Thema Internet häufig die damit augenscheinlich überforderten politischen Entscheidungsträger einladen und weniger die fachlichen Experten.
    So wird das Bild eines Internets vermittelt welches uns einerseits massiv bedroht, andererseits durch Überwachung und Kontentfilterung kontrolliert werden kann.
    Beides ist falsch und es ist fatal, dass diese falsche Darstellung medial überrepräsentiert ist.
    Liebe Medien, bitte helft ein realistisches Bild des Internets zu vermittln. Im Moment befördert ihr genau das Gegenteil.
    Warum auch immer.

  4. Pingback: Froschs Blog » Blog Archive » Im Netz aufgefischt #104

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