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Neckarwestheim: Lieber schlecht als garnicht?

Die aktuelle politische Diskussion rund um die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken treibt bei den Energieversorgern merkwürdige Blüten. Die nach wie vor gültigen Atomausstiegsgesetze schreiben Atomkraftwerken wie dem KKW Neckarwestheim, dass nur 28km* von der Stuttgarter Stadtmitte entfernt liegt, eine gewisse Reststrommenge vor, die diese noch produzieren dürfen, bevor sie vom Netz gehen müssen. Einem aktuellen Bericht zufolge betreibt die EnBW das Kraftwerk zur Schonung der Reststrommenge auf unter 25% seiner Nennleistung mit dem Resultat, dass ein sehr großer Teil der überhaupt produzierten Energie für den eigenen Betrieb benötigt wird. Der Eigenbedarf des Reaktors entspricht derzeit etwa dem durchschnittlichen Stromverbrauch von 100.000 Familien (vierköpfige Familie mit angenommenem Jahresverbrauch von 4000 kWh). Sieht so ein “unentbehrliches” Kernkraftwerk aus, dessen Laufzeit unbedingt verlängert werden muss?

Es schien bisher zwei Optionen zu geben: Man nutzt das Kraftwerk oder man legt es still. Angesichts immer neuer technischer Errungenschaften im Bereich erneuerbarer, nachhaltiger Energiegewinnung ist es sinnvoll, die alten Kraftwerke noch so lange zu behalten bis alternative Konzepte, wie etwa Desertec oder die Kraftwerkskonzepte von Wendelstein 7-X (Max-Planck-Institut) oder ITER, zuverlässig in Betrieb sind. Das Versprechen von Union und FDP, den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig zu machen, hat jetzt bei Neckarwestheim zu einer dritten Option für den Betreiber geführt: Das Kraftwerk laufen zu lassen ohne netto nennenswert Energie zu produzieren, um der Stilllegung zu entgehen, bis sich die Regierung dann irgendwann vielleicht darauf einigt, ihr Wahlversprechen einzulösen – oder auch nicht. So wird der Berg an strahlendem Abfall von Tag zu Tag größer, ohne dass wir überhaupt noch etwas davon haben.

Wir fordern in unserem Programm nicht umsonst nachhaltige, zukunftsorientierte Lösungen, die für alle tragbar sind. Regierung und Kraftwerksbetreiber weigern sich nach wie vor, die wirklichen Kosten der Kernenergie zu nennen. Die tatsächlichen Entsorgungskosten des strahlenden Atommülls sind im kWh-Preis schließlich nicht enthalten, gleichwohl das Problem Endlager einer zukunftsfähigen sicheren Lösung bedarf. Darüber hinaus wird scheinbar ernsthaft darüber nachgedacht, Neuinvestitionen in den Atomenergiebereich zu tätigen und damit die Nutzungsdauer einer sehr umstrittenen und riskanten Technologie über alle Maßen zu verlängern, anstatt das Geld in die Weiterentwicklung ernsthafter Alternativen zu stecken. Dafür dass Baden-Württemberg eine der führenden High-Tech-Regionen der Welt ist, beweist unsere Regierung schon eine bemerkenswerte Perspektivenlosigkeit.

*Update:

Ein Kommentar hat darauf verwiesen, dass die Distanz nicht 28km, sondern 43km sein würde. Zur Klärung: Die Containments des KKW liegen etwa 28km Luftlinie vom Rathaus in Stuttgart entfernt. 43km entspricht in-etwa der Strecke mit dem Auto. Wobei ich da 41km gerechnet hätte. Nedra hofft hingegen, dass die Radioaktivität nicht mit dem Auto kommt sondern Bahn fährt, denn dann hätte sie mit Sicherheit Verspätung 😉

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